HINTER DEM GARTEN: SEBASTIAN KULIS
HINTER DEM GARTEN: SEBASTIAN KULIS

Die Arbeit mit Pflanzen hat mich gelehrt, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen. Die Natur lässt sich nicht beschleunigen – sie folgt ihrem eigenen Rhythmus, den wir akzeptieren sollten.

INTERVIEW

SEBASTIAN KULIS

Sebastian Kulis ist Planer und Gestalter naturnaher Gärten sowie Autor mehrerer Gartenbücher. Seine jüngste Veröffentlichung trägt den Titel Ein Garten für alle vier Jahreszeiten. Darüber hinaus ist er Gründer von Roślinne Porady („Pflanzenratgeber“), einer Bildungsplattform, die ökologisches und biodiversitätsförderndes Gärtnern vermittelt. Durch seine Arbeit teilt er praktisches Wissen und inspiriert Menschen dazu, Gärten zu gestalten, die die Natur unterstützen.

Sebastian arbeitet seit rund sieben Jahren professionell als Gartendesigner, doch seine Leidenschaft für Pflanzen begann schon deutlich früher. Erste praktische Erfahrungen sammelte er bereits im Alter von 17 Jahren, und mit 21 gründete er Roślinne Porady. Was einst als Hobby begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer Vollzeitbeschäftigung, die der Gestaltung nachhaltiger und von der Natur inspirierter Gärten gewidmet ist.


Wie begann deine Leidenschaft für die Gartenarbeit?

Seit ich denken kann, hat mich die Natur fasziniert. Als Kind verbrachte ich meine Zeit am liebsten im Wald, auf Wiesen oder am Fluss, daher entstand mein Interesse am Gärtnern ganz natürlich. Als Jugendlicher begann ich zum ersten Mal bewusst, Pflanzen im eigenen Garten auszusäen und anzubauen.

Ein Wendepunkt war eine Reise nach Schweden. Dort sah ich, dass fast jeder einen kleinen Garten mit Kräutern und einfachem Gemüse hatte, das direkt für die Küche geerntet wurde. Damals dachte ich: Das ist eine großartige Idee – frische und gesunde Lebensmittel direkt vor der Haustür zu haben. Ich selbst hatte zwar einen Garten, aber nichts Vergleichbares, also beschloss ich, das zu ändern.

Anfangs machte ich das ausschließlich für mich selbst. Ich dachte nicht darüber nach, ob daraus jemals mein Beruf werden könnte. Ich hätte nie vermutet, dass aus dieser Leidenschaft einmal Bücher, Gartenplanung und Bildungsarbeit entstehen würden. Ich wollte einfach einen Ort schaffen, der meinen Werten entspricht.

Als ich 16 oder 17 Jahre alt war und nach Wissen über den Pflanzenanbau suchte, basierten die meisten verfügbaren Quellen auf Chemie und künstlichen Düngemitteln. Mich hat die Vorstellung nie überzeugt, dass ohne immer neue Präparate nichts wachsen könne.

Genau damals entstand in mir der Wunsch zu zeigen, dass es auch anders geht – dass ein Garten mit der Natur zusammenarbeiten kann, statt gegen sie zu kämpfen. Mit der Zeit wurde diese Überzeugung zu einem der Fundamente meiner Arbeit und meines Projekts Roślinne Porady.

Wie sieht in deinem Fall der Arbeitsprozess bei der Gestaltung eines Gartens aus?

Jeder Garten und jeder Kunde sind anders, deshalb beginne ich den gesamten Prozess immer mit einem Gespräch und einem Besuch vor Ort. Das ist für mich die absolute Grundlage. Um einen guten Entwurf zu erstellen, muss man den Ort spüren – das Licht, die Geländestruktur und den Boden kennenlernen und vor allem verstehen, wie die Menschen leben, die dort wohnen.

Beim ersten Treffen spreche ich darüber, welche Erwartungen die Besitzer an ihren Garten haben. Soll er ein Ort der Erholung sein, ein Treffpunkt für Familie und Freunde, ein Ziergarten oder vielleicht ein Platz, an dem Obst und Gemüse angebaut werden können? Ein Garten sollte den Bedürfnissen der Menschen entsprechen, die ihn nutzen werden.

Ebenso wichtig ist für mich das, was bereits auf dem Grundstück vorhanden ist. Ich halte nichts davon, alles zu entfernen und bei null anzufangen. Ich arbeite lieber mit dem, was schon da ist. Bäume, Sträucher und spontan wachsende Pflanzen verraten viel über den Charakter eines Ortes – über den Boden, die Feuchtigkeit oder die Sonneneinstrahlung. Meine Aufgabe besteht darin, das Potenzial dieses Raumes weiterzuentwickeln, die Biodiversität zu erhöhen und einen Garten zu schaffen, der sich natürlich in seine Umgebung einfügt.

Das erste Treffen ist auch eine Gelegenheit, über meine Gestaltungsphilosophie zu sprechen. Ich erkläre, dass ein naturnaher Garten ein Prozess ist, der mit der Zeit reift. Ich gestalte keine Gärten, die auf Rollrasen oder Lösungen mit sofortigem Effekt basieren. Im Mittelpunkt stehen für mich Natur, Vielfalt und langfristiges Denken.

Es kommt vor, dass bereits in dieser Phase deutlich wird, dass unsere Vorstellungen unterschiedlich sind. Wenn jemand von einem sehr formalen, sterilen Garten träumt und sich mit meinem Ansatz nicht identifizieren kann, verzichte ich lieber auf eine Zusammenarbeit. Das ist ehrlicher für beide Seiten und stellt sicher, dass ein Garten entsteht, der sowohl den Menschen als auch der Natur dient.

Von welchen Werten und welcher Philosophie lässt du dich bei deiner Arbeit leiten?

Der wichtigste Wert meiner Arbeit ist die Gestaltung von Gärten, die wie ein Ökosystem funktionieren. Ein Garten wird niemals vollständig natürlich sein, kann aber einem Wald, einer Wiese oder einem anderen Lebensraum möglichst nahekommen und ein Ort des Lebens nicht nur für Menschen, sondern auch für Igel, Vögel, Frösche, Kröten, Insekten und viele andere Organismen sein. Er sollte ihnen das ganze Jahr über Schutz, Nahrung und Lebensraum bieten.

Ebenso wichtig ist für mich die Selbstständigkeit und Widerstandsfähigkeit eines Gartens. Ich versuche Gärten zu entwerfen, die keine intensive Bewässerung, Düngung oder ständige menschliche Eingriffe benötigen. Je weniger künstliche Maßnahmen notwendig sind, desto besser funktioniert das gesamte Ökosystem.

Deshalb arbeite ich stets mit dem, was auf einem Grundstück bereits vorhanden ist. Ich bin kein Befürworter davon, tonnenweise Erde oder Torf abzutransportieren oder schwere Maschinen einzusetzen, nur um einen Garten von Grund auf neu anzulegen. Natürlich gibt es Situationen, in denen größere Eingriffe sinnvoll sind – etwa die Anlage eines Teiches, der zu einem Lebensraum für Amphibien, Libellen und viele andere Arten wird. Dennoch bemühe ich mich, dass jede Entscheidung aus den Bedürfnissen des Ortes heraus entsteht und ökologisch begründet ist.

Naturnahe Gärten besitzen für mich etwas, das vielen modernen Anlagen fehlt – sie haben eine Seele. Es sind Räume, in denen man einen echten Kontakt zur Natur spüren kann. Das bedeutet jedoch keineswegs einen vernachlässigten oder überwucherten Garten. Es bleibt ein Ort für Menschen – zum Ausruhen, für Begegnungen und das tägliche Leben –, aber eben ein Ort, an dem der Mensch nicht der einzige Bewohner ist.

Ich möchte weder Gärten ausschließlich für die Natur schaffen noch solche, die die Natur vollständig dem Menschen unterordnen. Am wichtigsten ist für mich, ein Gleichgewicht zu finden und uns daran zu erinnern, dass wir nicht über der Natur stehen, sondern ein Teil von ihr sind. Genau davon sollen die von mir gestalteten Gärten erzählen.

Woher stammt dieses falsche Verständnis vom Garten?

Ich denke, es hängt zu einem großen Teil damit zusammen, wie sich unsere Welt verändert hat. Städte wachsen ständig und nehmen Flächen ein, die noch vor kurzer Zeit Wiesen, Felder oder Wälder waren. Mit ihnen verschwinden natürliche Lebensräume, und Wildtiere haben immer weniger Raum zum Leben. Deshalb bin ich überzeugt, dass jeder Garten zumindest ein kleines Stück Natur werden und der Umwelt etwas von dem zurückgeben kann, was wir ihr genommen haben.

Natürlich wird ein Garten immer ein vom Menschen geschaffener Ort bleiben. Wir werden immer etwas zurückschneiden, neu pflanzen oder verändern. Er wird niemals ein vollständig natürliches Ökosystem sein, aber wir können einen Ort schaffen, der voller Insekten, Vögel, Amphibien und anderer Tiere ist. Wenn jeder von uns auch nur einen kleinen Beitrag leisten würde, könnten wir die biologische Vielfalt, die heute in alarmierendem Tempo schwindet, tatsächlich unterstützen.

Ein weiteres Problem ist unsere kulturelle Vorstellung vom Garten. Über Jahrhunderte hinweg galt ein perfekt gepflegter Rasen als Symbol für Reichtum und Prestige und wurde später – insbesondere im Zusammenhang mit dem amerikanischen Traum – zu einem Sinnbild für Erfolg und Wohlstand. Diese Vorstellung ist noch immer tief in uns verankert, obwohl wir selten darüber nachdenken, woher sie eigentlich stammt.

Dabei ergibt sie aus praktischer Sicht wenig Sinn. Eine Wiese kann ebenso gut ein Ort zum Entspannen, für ein Picknick oder zum Spielen mit Kindern sein. Ich bin keineswegs gegen offene Flächen für Erholung – es geht vielmehr um die richtigen Proportionen. Ein Garten kann den Menschen dienen und gleichzeitig ein lebendiges Ökosystem bleiben, anstatt eine Monokultur aus wöchentlich gemähtem Gras zu sein.

Für mich sind die schönsten Gärten diejenigen, die uns daran erinnern, dass wir Teil der Natur und nicht ihre Besitzer sind.

Wie kann man die Einstellung der Menschen zu Pflanzen und Gärten verändern?

Ich habe den Eindruck, dass viele unserer gärtnerischen Gewohnheiten eher aus Tradition als aus tatsächlichen Bedürfnissen entstehen. Wenn wir in den Wald, auf eine Wiese oder an einen See fahren, brauchen wir keinen perfekt gemähten Rasen, um uns zu erholen, zu essen oder mit Kindern zu spielen. Im eigenen Garten hingegen betrachten wir ihn oft als absolute Notwendigkeit.

Ich glaube nicht, dass Menschen dies aus bösem Willen tun. Wir hinterfragen einfach selten, warum wir unseren Garten gerade auf diese Weise pflegen. Vieles machen wir nur deshalb, weil man es eben so macht. Ich hoffe, dass meine Bücher und meine Bildungsarbeit dazu beitragen, den Garten aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sich zu fragen, ob wir wirklich einen makellosen Rasen brauchen.

Seine Pflege verschlingt enorme Mengen an Zeit, Energie und Wasser. Weltweit werden unvorstellbare Mengen Wasser verbraucht, nur damit das Gras die gesamte Saison über sattgrün bleibt. Angesichts des Klimawandels ist es schwer, dies als vernünftigen Umgang mit Ressourcen zu betrachten.

Glücklicherweise verändert sich das Bewusstsein allmählich. Immer häufiger wird darüber gesprochen, das Mähen zu reduzieren, und viele Städte lassen ihre Grünflächen höher wachsen oder legen Blumenwiesen an. Solche Vegetation speichert Wasser besser, bindet Schadstoffe und schafft vor allem Lebensraum für Bestäuber und viele andere Organismen.

Ich hoffe, dass wir mit der Zeit aufhören werden, den perfekt gemähten Rasen als Symbol eines gepflegten Gartens zu betrachten. Für mich ist ein wirklich schöner Garten lebendig, vielfältig und arbeitet mit der Natur zusammen, anstatt sie kontrollieren zu wollen.

Was lehrt dich die Arbeit mit Pflanzen?

Vor allem Geduld. Die Arbeit mit Pflanzen macht mir bewusst, dass man auf viele Dinge einfach warten muss. Die Natur lässt sich nicht beschleunigen – sie hat ihr eigenes Tempo, und es lohnt sich, dieses anzunehmen.

Jedes Jahr beobachte ich denselben Prozess. Im März oder Anfang April wirken die Pflanzen noch unscheinbar, lange Zeit scheint wenig zu geschehen, es kommen Kälteeinbrüche und Fröste, und man fragt sich, ob alles gutgehen wird. Doch dann kommt der Moment, in dem der Garten mit voller Kraft erwacht, und wieder zeigt sich, dass die Natur weiß, was sie tut. Das gibt mir große Ruhe und Zuversicht – sowohl in meiner Arbeit als auch im Leben.

Von Jahr zu Jahr lerne ich die Pflanzen besser kennen, doch gleichzeitig wird mir immer bewusster, wie viel noch vor mir liegt. Je mehr ich lerne, desto deutlicher erkenne ich, wie faszinierend und unerschöpflich ihre Welt ist.

Die Arbeit mit Gärten hat auch meine Wahrnehmung von Zeit verändert. Im Gartenbau sind drei oder fünf Jahre erst der Anfang, während zehn oder zwanzig Jahre eine ganz natürliche Perspektive darstellen. Dadurch habe ich gelernt, geduldiger zu sein und die Welt in einem längeren Zeithorizont zu betrachten.

Auch mein Blick auf die Jahreszeiten hat sich verändert. Für viele Menschen beginnt der Frühling erst dann, wenn alles grün wird. Ich nehme seine ersten Anzeichen bereits im Februar wahr – in den Knospen der Bäume, in den Veränderungen der Rindenfarbe oder im Auftauchen von Moosen und Flechten. Das hat mich gelehrt, achtsam zu sein und kleine Veränderungen wertzuschätzen, die anderen Menschen oft verborgen bleiben.

Wie sieht dein Arbeitstag aus?

Das hängt vor allem von der Jahreszeit ab, denn die Saisonalität spielt in meiner Arbeit eine große Rolle. Im Winter verbringe ich mehr Zeit am Computer – ich entwerfe Gärten, schreibe, bereite Bildungsinhalte vor und kümmere mich um organisatorische Aufgaben. Es ist eine ruhigere Zeit, die es mir ermöglicht, das Tempo zu drosseln, mich zu erholen und neue Projekte zu planen.

Im Frühling und Sommer beschleunigt sich alles. Meinen Tag beginne ich gewöhnlich gegen sechs oder sieben Uhr morgens. Ich versuche, Zeit für Yoga, ein ruhiges Frühstück und die Erledigung aktueller Aufgaben wie E-Mails oder soziale Medien zu finden.

Danach bin ich unterwegs: Ich besuche Gärten, treffe Kunden, begleite die Umsetzung von Projekten und beobachte, wie sich bereits gestaltete Räume weiterentwickeln. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, denn so kann ich sehen, wie sich ein Garten von Saison zu Saison verändert und wie er als lebendiges Ökosystem funktioniert.

Ich arbeite heute nicht mehr allein an jeder Phase eines Projekts. Ich arbeite mit verschiedenen Fachleuten zusammen und weiß, dass ein guter Garten durch Zusammenarbeit entsteht. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, darauf zu achten, dass alles im Einklang mit den ursprünglichen Ideen und der Philosophie des Projekts umgesetzt wird.

Kein Tag gleicht dem anderen. Das Wetter, die Jahreszeit und die jeweilige Projektphase haben großen Einfluss auf meinen Alltag. Manchmal ändert sich der gesamte Plan innerhalb weniger Minuten, weil es plötzlich regnet oder hagelt und die Arbeiten im Garten verschoben werden müssen. Dann kehre ich zum Entwerfen, Schreiben oder zu anderen Aufgaben zurück, die ich am Computer erledigen kann. Die Arbeit mit der Natur lehrt Flexibilität und erinnert mich immer wieder daran, dass sie selbst oft den Rhythmus unseres Tages bestimmt.

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